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Meine Kinder-Kurzgeschichtenserie "Hanna und die Elfen" bei: 

www.liluna.de.

Hören Sie mal rein!


Hier eine Leseprobe für Erwachsene:

Verdächtig

Bevor Frau Sayatz zum Kaffeetrinken zu Elfriede ging, lauschte sie noch schnell an Feddersens Tür. Nichts. „Mit dir wird es ein böses Ende nehmen“, brummte sie, denn was Feddersen trieb, konnte nicht ungestraft bleiben.

Feddersen lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Er stand jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um die gleiche Zeit zu Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen. Das alles hatte Frau Sayatz in mühevoller Kleinarbeit heraus gefunden. Es blieb kaum noch Zeit, das Foto ihres verblichenen Eduards zu polieren, denn die Sache war zu ernst.

An einem Donnerstag im November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um 17.30 Uhr. Der Pförtner in der Eingangshalle lächelte. Er sagte: „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“
„Stimmt genau“, sagte Feddersen. Frau Sayatz wusste warum.
Bei soviel scheinheiliger Freundlichkeit hatte sie Mühe in ihrem Versteck zu bleiben. Sie zog den Hut tiefer ins Gesicht.
Nachdem er die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Feddersen in einen Bus der Linie 60. Dabei sprach er ein paar Worte mit dem Busfahrer. „Schöner Abend heute“, sagte Feddersen.
„Soll aber noch regnen“, gab der Fahrer zurück.
„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine ganze Menge Regen“, sagte Feddersen.
„Da haben Sie Recht.“
Freundlich nickend ging Feddersen weiter und setzte sich auf den Platz, auf dem er meistens saß. Frau Sayatz dachte mit Schrecken an ihre Blumentöpfe, die in der Stube vertrockneten. Aber sie musste ja Beweise finden, ihn auf frischer Tat ertappen, sonst würden ihr die Schutzleute wieder nicht glauben. Gute alte Sayatzen, ein bisschen verwirrt. Na wartet, ich werd’s euch zeigen.
Feddersen las Zeitung, bis der Bus an seiner Haltestelle ankam. Dort stieg er aus und ging den gewohnten Weg: erst die Goethe-Straße entlang, dann links in die Nord-Allee und noch mal links in die Lindenstraße, bis zu seinem Haus, Lindenstraße 22. Ihrem Haus, wo er ungestört seinen Verbrechen nachgehen konnte. Vom ständigen verborgen bleiben, tat Frau Sayatz alles weh. Immer sah Feddersen nach rechts und nach links, aber das hatte nichts mit den Schaufenstern zu tun, das war alles nur Tarnung. Im Erdgeschoss standen diese wunderschönen Uhren im Schaufenster, mit schwingenden Pendeln und goldenen Kugeln, die sich eifrig drehten. Sie blieb stehen und schaute zu. Dieser Laden... er hat irgend eine Bedeutung, es fiel ihr nicht mehr ein.
Während dessen hatte sich Feddersen aus dem Staub gemacht. Sie eilte hinterher. Kurz vorm Hauseingang spähte Frau Sayatz um die Ecke. Die lange Elfriede aus dem Obergeschoss hatte ihn aufgehalten. Als er durch die Tür war, sprang Frau Sayatz ihm nach. Kampfesmutig lächelte sie Elfriede an, doch im gleichen Augenblick packte sie die Angst. Ob ich nicht doch noch mal die Polizei rufe? Feddersen ist gefährlich.
Sie nahm ihren Hut ab und lugte durch das schmale Türfenster hinein. Feddersen öffnete den Briefkasten. Er war leer. Das geschieht dir ganz Recht: keine Freunde, keine Familie. Verbrechen zahlt sich nicht aus!
Nun ging er zur Treppe. Ohne einen Laut öffnete sie die Tür und schlich hinein. Feddersens Schritte hallten dumpf durch das Treppenhaus, sie war ganz allein mit ihm.
Verdammte Gendarmerie, warum helfen sie mir nicht? Aber jetzt ist genug zurück gesteckt, ich hole mir mein Eigentum zurück!
Auf wackeligen Beinen stieg sie hinterher. Zweiter Stock, dritter Stock, Feddersen blieb stehen. Frau Sayatz hielt den Atem an. Bestimmt ist er bewaffnet.
Sie hörte, wie Feddersen ein Fenster öffnete.
Vielleicht springt er – das schlechte Gewissen.
Feddersen ging weiter. Frau Sayatz näherte sich von hinten. Jetzt stand er auf dem Treppenabsatz vor seiner Wohnung. Sie packte die Handtasche mit dem Ziegelstein fester. Er schob die Hand in die Manteltasche, ihr Schatten fiel auf seine Füße, Feddersen drehte sich um.
„Ha!“ Mehr kam aus Frau Sayatz nicht heraus. Feddersens Faust ballte sich zusammen, ihre Augen traten aus den Höhlen. Dann klimperten seine Schlüssel.
„Guten Abend, Frau Sayatz.“ Er lächelte entwaffnend. „So eine große Tasche tragen Sie, ist das nicht viel zu schwer?“
Sie hielt ihre `Waffe` schützend vor der Brust und quetschte sich rückwärts vorbei, bis sie ihre Wohnung erreichte.
Du musst kämpfen!
„Geben Sie mir Eduards Uhr zurück, Sie feiger Verbrecher!“
Viel zu schrill, Sayatzen.
Feddersens Gesicht nahm diesen verzweifelten Ausdruck an, diesen peinlichen, verhassten `Dummes altes Weib!` - Ausdruck. Und da fiel es ihr wieder ein.
„Zum hundersten Mal, Frau Sayatz, ich arbeite in der Uhrenfabrik. Die Uhr von ihrem Gatten ist unten beim Uhrmacher! Kommen Sie, wir gehen noch mal runter, vielleicht hat er sie jetzt endlich fertig.“ 
Als sie die Treppe hinab liefen, fand sie es schön, diesen jungen Mann am Arm zu halten.
Aber warum schleppt er mich in diesen Trödelladen da unten?
Wenig später war Frau Sayatz wieder zu Hause und setzte sich erschöpft in ihren Sessel. Auf der Anrichte neben Eduards Foto lag ihr Staubtuch. Seine Uhr ist weg!
Als der erste Schrecken nachließ, dämmerte es ihr. Dieser Feddersen von nebenan hat etwas damit zu tun. Sie legte gar nicht erst den Mantel ab, denn vom Balkon aus konnte sie in seine Wohnung sehen.
Für gewöhnlich machte Feddersen sich selbst etwas zu essen. Danach wusch er das Geschirr ab, räumte auf und ging ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltete. Regelmäßig um 23 Uhr löschte er das Licht und ging zu Bett.


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